Die ersten Gottesdienste dieser Gemeinde datieren vom Juli 1945, Louis Fischer, damals noch aktiver Soldat, erinnerte sich gerne an diese Zeiten. Er erzählte von den damals in der Stadt weilenden Militärrabbinern und einer kleinen Villa im amerikanischen Sektor, in der diese Gottesdienste für die damals zahlreichen alliierten Soldaten jüdischen Glaubens stattfanden. Nicht nur Amerikaner und Briten, sondern auch Sowjetsoldaten kamen dorthin. Seit Juli 1953 war er ununterbrochen in Berlin. Bis zu seinem 65 Geburtstag vor drei Jahren kannte er das Wort Krankheit nicht, ja in seiner ihm eigenen unnachahmlichen sympathischen Art witzelte er gern über diejenigen, die einen Schnupfen zu Vorwand nähmen, um nicht arbeiten zu gehen.

 

Damit sind wir auch schon bei einem wichtigen Punkt: Seine Arbeit bestimmte sein Leben, denn sein Leben war seine Arbeit. Er war über viele Jahre Chef der Versorgung der US-Armee in Berlin und Oberst der Reserve. Wenn er an einem Freitag zum Schabbat-Service fehlte, kannten alle die wenigen Gründe: Anfang Mai fuhr er für ca. drei Wochen nach Amerika, um seine erst vor kurzem verstorbene Mutter und andere Mitglieder seiner Familie zu besuchen und im November pflegte er in den letzten Jahren nach Israel zu fahren. Oder er war zu Reserveübungen der Army eingezogen, aber sonst war er Freitag für Freitag da, wenn Kabbalat Schabbat in seiner Gemeinde gefeiert wurde.

Solange die US-Armee aus Rekruten bestand, war die Zahl der Gemeindemitglieder groß, wenn auch einer starken armeebedingten Fluktuation unterzogen. Der Gottesdienst versuchte allen Richtungen des US-Judentums gerecht zu werden. Er selbst meinte einmal in einem Interview: "Unser Gottesdienst ist ein bißchen liberal, ein bißchen reform und ein bißchen konservativ." 40 Minuten dauerte die Andacht, dann beginnt der Oneg Shabbat. Es wird Challe, "Creme cheese" und zu besonderen Anlässen "gefillte Fish" gereicht. Dieser gesellige Teil war für die in der Fremde stationierten Armeemitglieder sehr wichtig. Soldaten nutzen die Gelegenheit, um mit Louis Fischer ihre persönlichen Probleme zu besprechen - Laufbahnprobleme oder wenn beispielsweise einer eine nichtjüdische Frau heiraten will und nicht weiß , wie er dies seinen Eltern in den Staaten beibringen soll.

Aber Louis Fischer war auch eine Institution für die nichtamerikanischen Juden in Berlin: Wer immer zu ihm kam, um für Fürsprache bei der Erlangung einer Beschäftigung bei der amerikanischen Besatzungsmacht vorzusprechen, konnte sicher sein, daß Louis ihm helfen würde, wenn er einen guten Eindruck von der Person hatte.

Anfang der 60er Jahre verschaffte er meinem Vater und mir gelegentlich Zutritt zum P.X. an der Clayallee. Lange bevor es das erste McDonalds in Berlin gab, machte ich dort Bekanntschaft mit den ersten Hamburgern, mit Supermärkten und dem amerikanischen Way of life der instant Säfte und Coladosen. Aber anders als die dort im Räuberzivil ihre Freizeit verbringenden GIs war Louis immer wie aus dem Ei gepellt gekleidet und verwendete große Sorgfalt auf sein Äußeres.

Chanukka, Purim und Pessach waren die großen Feste, die die amerikanische Gemeinde immer zusammen mit den "locals"- Einheimischen -, die gelegentlich zum Freitagabendservice kamen, gestaltete. Ich entsinne mich noch der Sederabende im Harnack-Haus Ende der 50er Jahre. Louis Fischer, der von uns Einheimischen immer respektvoll "Mister Fischer" genannt wurde, erschien dann in Uniform. Festlich geschmückte Tische, aus den Staaten eingeflogene "Gefillte Fish", Eierhäckerle, jede Menge von frischem Gemüse und unverwechselbar amerikanisch zubereitete Geflügel, wurden in festlichster Atmosphäre im Rahmen eines Seder, der immer zweisprachig war, verabreicht. Der Service am Freitagabend und Pessach, Purim und Chanukka waren "sein portatives Heimatland" - hier brachte er die Kochrezepte seiner Mutter und sein Herkommen zum Ausdruck. Als Louis kurz vor Rosch Haschana pensioniert wurde, galt seine große Sorge der Frage, wie er ohne die Mithilfe seines Büros und seiner Mitarbeiter, den Seder im nächsten Jahr gestalten könnte.

Louis Fischer hatte an jedem Freitagabend im Gespräch mit denen, die zum "service" kamen, sein Forum: Er konnte dann sein in der Yeshiva und aus den zahllosen historischen Büchern und Aufsätzen, die seine Lieblingslektüre bildeten, im Gespräch vortragen oder gelegentlich monologisieren: Hier stand oder saß dann einer, der Geschichte nicht in Fußnoten erkundete, sondern versuchte, welthistorische Zusammenhänge herzustellen: Zwischen Orient und Okzident, zwischen Aschkenas, Sefarad und Orient - zwischen Litwaks und Gallizianiern. Es war kein Zufall, daß Louis Fischer von 1989 bis 1992 im Beirat des größten Judaica-Vorhabens in Europa, der Ausstellung "Jüdischen Lebenswelten" saß, denn er gehörte lange bevor es die Ausstellung als konkretes Vorhaben gab, zu meinen Gesprächspartnern. Seit den 70er Jahren arbeitete ich als Religionslehrer in seiner Gemeinde aber erst durch die gemeinsame Beiratsarbeit wurde aus »Mister Fischer« der Respektsperson, »Louis« mein Freund. Wir waren zufällig am 10. November 1989 in der »Topographie des Terrors« also neben dem Gropius-Bau verabredet, weil er mit mir zusammen, diese ihn interessierende Ausstellung ansehen wollte. Wir steckten dann lange Zeit im Stau zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, und hatten dann gemeinsam Lunch im Britischen Offiziersclub. Die offenen Grenzen vor Augen prognostizierte er das Ende der DDR, des amerikanischen Besatzungsregimes und hoffte auf eine Zeit in der er dann als Pensionär in Venice, Florida und in Berlin über all das berichten könnte, was die Jahrzehnte amerikanischen Engagements in Berlin hervorgebracht haben und hoffte, daß das damals am Platz des 4. Juli in den Mc Nair Baracks gelegenen US-Berlin-Brigade-Museums, ohne ihn namentlich zu erwähnen auch seine Geschichte erzählen würde.

Louis Fischer wird für alle, die ihn erlebt haben, das jüdische Symbol amerikanischer Präsenz in Berlin bleiben. Mit ihm geht ein Stück Nachkriegsleben in die Geschichte ein.

 

Aus der Traueransprache von Andreas Nachama bei der Beerdigung von R'Louis Fischer auf dem Jüdischen Friedhof Berlin Heerstraße