Tagebuch

17.08.2017

Das Bundespräsidialamt sperrt sich dagegen, den jüdischen Vorbesitzer des Dienstsitzes zu würdigen
Rabbiner Andreas Nachama

Der Stein des Anstoßes könnte kleiner nicht sein: Kantenlänge von 96 mal 96, Höhe 100 Millimeter. Aber größer kann die Peinlichkeit kaum sein, die sich das Bundespräsidialamt eingebrockt hat.

Um zu klären, ob die von einem Historiker aufgestellte These, bei der Dienstvilla des Bundespräsidenten in der Pücklerstraße 14 in Berlin-Dahlem handele es sich um ein frühzeitig »arisiertes« Objekt, stimmt, wurde bei einem anderen renommierten Historiker ein Gutachten vom Bundespräsidialamt in Auftrag gegeben, das zu dem Schluss kommt, der am 7. Februar 1933 geschlossene Kaufvertrag zur Veräußerung der Immobile sei rechtens.

Gedenktafel Das kann man so oder anders sehen, aber warum wird nicht mit einer Gedenktafel an geeigneter Stelle im Haus oder besser noch am repräsentativen Zaun an den von Nazis verfolgten jüdischen Perlenfabrikanten Hugo Heymann erinnert, dem es nicht gelang, zu emigrieren, der schließlich von der Gestapo misshandelt wurde und starb?

Das ist Grund genug wenigstens für die Verlegung eines Stolpersteins, um den Namen des NS-Opfers zurück an den Ort seines Lebens zu bringen, zumal sich ein Spender dafür bereits gefunden hat. Mit der Verlegung eines Stolpersteins geht überhaupt nicht die Frage der rechtmäßigen Veräußerung der Immobilie einher. Als würden nicht vor zahllosen Berliner Gebäuden – viele überhaupt erst nach 1945 auf den Trümmern der zerbombten Vorkriegsgebäude errichtet – Stolpersteine liegen, um an die verfolgten Berliner Juden zu erinnern. Und die heutigen Bewohner sind oft stolz auf diese Zeichen der Erinnerung an die ermordeten Nachbarn.

Wie zitierte doch Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede 1985 Baal Schem Tow: »In der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.« Das Bundespräsidialamt wird von der Peinlichkeit dieses Diskurses solange nicht erlöst werden, wie vor der Dienstvilla nicht ernsthaft an Hugo Heymann erinnert wird.

 

30.06.2017

Nachruf: Grande Dame der Gemeinde - Inge Marcus starb im Alter von 95 Jahren
Christine Schmitt

Inge Marcus war zweifellos eine Grande Dame – herzlich, großzügig, offen. Am Freitag ist die Gemeindeälteste und frühere Repräsentantin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin im Alter von 95 Jahren gestorben. Rabbiner Andreas Nachama, dessen verstorbene Eltern Estrongo und Lilli Nachama mit Inge Marcus befreundet waren, beklagt »einen großen Verlust für die Jüdische Gemeinde zu Berlin«. Inge Marcus hätte laut Nachama eine gute Juristin abgegeben, denn sie hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. »Wenn etwas unfair zuging, dann legte sie ihr Veto ein«, erinnert sich der frühere Gemeindevorsitzende. Das habe er in seiner Amtszeit immer wieder erlebt. […]

 

14.06.2017

Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und die Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate luden gemeinsam zum Iftar (Fastenbrechen) am 13.06.2017 nach Berlin ein.

Bildmitte: Bundesaußenminister Sigmar Gabriel, Ayman Mazyek und Botschafter Ali Al Ahmed

Prof. Andreas Nachama, Publizist, Rabbiner, Historiker und Geschäftsführer der Stiftung Topographie des Terrors, sagte in seinem Grußwort: „Shalom heißt bei uns Frieden.“ Er als bekennender Jude erinnerte an „die schwierige deutsche Geschichte.“ Am Ende müsse man zu der Einsicht und Forderung kommen: „Wir alle hoffen und wollen, dass es Friede werde.“

/ Moabit 22.06.2017

Auf dem ehemaligen Güterbahnhof wurde der Gedenkort für deportierten Juden eingeweiht.

[…] Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, bezeichnete den neuen Gedenkort als „eindrucksvolle Installation“. Beim kleinen Festakt ließ Kulturstadträtin Sabine Weißler (Bündnisgrüne) noch einmal den beschwerlichen Weg hin zum Mahnmal seit den frühen 90er-Jahren Revue passieren. Erst hätten „verschiedene Sparwellen das Kulturamt weggerafft“ und ein Vorankommen des Gedenkprojekts unmöglich gemacht, danach habe ein Gordischer Knoten durchschlagen werden müssen. Weißler: „Wir brauchten Mittel für die Realisierung, die der Bezirk nicht hatte und die wir hofften von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie zu bekommen. Die Klassenlotterie stellt aber keine Blankoschecks aus. Deswegen mussten wir eine Planung vorlegen, für die wir aber auch kein Geld hatten.“ Die Planung habe schließlich die Senatsverwaltung finanziert. „Damit konnten wir bei der Deutschen Klassenlotterie einen Antrag stellen, der auch genehmigt wurde. Danach war es möglich, den Wettbewerb auszuschreiben.“ Weißler mahnte, ein wachsames Auge auf den Gedenkort zu haben, „dass er würdig bleibt, nicht beschädigt wird und wir ihn weiterhin zum Sprechen bringen“. KEN

/ 08.06.2017

House Of One - Pläne für den Petriplatz
Christine Schmidt

Rabbiner Andreas Nachama sieht zufrieden aus. Er steht vor einem Pavillon auf dem Petriplatz in Berlin-Mitte, wo irgendwann in naher Zukunft die Synagoge des »House of One« gebaut werden soll. Heute ist auf der 2000 Quadratmeter großen Fläche provisorisch eine Tischlerei eingerichtet, in der Schüler Möbel zimmern. Am Eingang liegen Postkarten aus. »Was haben ein Rabbi, ein Imam und ein Pfarrer gemeinsam? ›House of One‹, drei Religionen unter einem Dach«, steht darauf.

»Ich fasse mir immer wieder an den Kopf und frage mich, warum noch nie jemand vor uns diese Idee des Trialogs verwirklicht hat«, sagt Rabbiner Nachama. Der jüdische Präsident des Deutschen Koordinierungsrates löste 2015 Rabbiner Tuvia Ben-Chorin nach dessen Weggang aus Berlin im Vorstand ab. Es habe sich »in jeder Hinsicht gelohnt«, sagt er zwei Jahre später.

 

"meet2respect" / 25.05.2017

Im Rahmen des Evangelischen Kirchetages setzten sich Rabbiner, Imame und Pfarrer*innen gemeinsam auf Fahrräder für eine Rundfahrt zu Kirchen, Synagogen und Moscheen.

 

/ 08.03.2017

Zwischen Schweigen und Erinnerung
Andrea von Treuenfeld stellte ihr neues Buch »Erben des Holocaust« in der Topographie des Terrors vor.

Jérôme Lombard

[…] Drei prominente Berliner Vertreter der Zweiten Generation waren an diesem Abend in das Dokumentationszentrum gekommen, um über ihre Erfahrungen zu berichten: Ilja Richter, Sharon Brauner und Andreas Nachama. »Schon als Jugendlicher war mir klar, dass meine Familie irgendwie anders ist, als die von Altersgenossen. Über die Vergangenheit wurde Zuhause aber kaum geredet. Es gab nur Informationsfetzen, anhand derer ich mir meinen Teil zusammen reimen konnte«, sagte Nachama.

 

Jüdische Gemeinschaftsfeier im Frankfurter Römer am Vorabend der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit in der Paulskirche / 04.03.2017

»Wir sind hierhergekommen, um gemeinsam mit dir und denen, die auf protestantischer und katholischer Seite diese Gemeinschaftsfeier zu einem Ort des Lernens und Begegnens gemacht haben, eine weitere Seite im christlich-jüdischen Dialog aufzuschlagen. Da hast du und alle mit dir die Messlatte hoch gesetzt: Hoffen wir, beten wir, dass wir dem gerecht werden können.
Die Schrift kann man, muss man immer wieder neu lesen und, ja, immer wieder anders verstehen. Unsere Sichten auf die Schrift lehren uns: Es gibt keine alternativlosen Situationen!«

 

/ 02.03.2017

Voneinander lernen - Die »Woche der Brüderlichkeit« ist ein Beispiel für Verständigung in anfangs aussichtsloser Lage
Rabbiner Andreas Nachama

Am Sonntag wird 500 Jahre nach der Reformation Martin Luthers in der Frankfurter Paulskirche die »Woche der Brüderlichkeit« eröffnet. Am Tag darauf treffen sich Rabbiner der Orthodoxen und der Allgemeinen Rabbinerkonferenz mit Bischöfen der evangelischen und katholischen Kirche zum alljährlichen Gedankenaustausch. Man könnte meinen, so sollte es nicht nur sein, sondern so wäre es schon immer gewesen.

Aber nein! Vor 84 Jahren – 1933 – wurde anlässlich des 450. Geburtstags Martin Luthers am 10. November mit einer antisemitischen Großveranstaltung im Berliner Sportpalast gefeiert. Am 9. und 10. November 1938 gab es jenes »Feuerwerk« zum Geburtstag des Reformators, der in seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen das Niederbrennen von Synagogen angeregt hatte.

NS-TERROR

Ausweislich der »Berichte aus dem Reich« des Sicherheitsdienstes der NSDAP haben nur wenige protestantische Pfarrer in ihren Predigten am darauffolgenden Sonntag kritisch dazu Stellung genommen, dass der NS-Terror auch vor Gotteshäusern nicht haltmachte. 1946 machte aber dann vor dem Internationalen Militärgerichtshof der dort angeklagte Herausgeber des NS-Hetzblattes »Der Stürmer«, Julius Streicher, mit dieser Schrift Luthers in der Hand geltend, was der Reformator geboten habe, könne doch kein Unrecht sein.

Im Gegensatz zu vielen anderen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, die erst nach dem 30. Januar 1933 eintraten, wurde die moderne Form des Judenhasses schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts von keinem anderen als dem protestantischen Hofprediger Adolf Stoecker mit dem Slogan »Die Juden sind unser Unglück« salonfähig gemacht, wobei sich auch dies in eine am Ende zwei Jahrtausende währende, oft militante und todbringende Judenfeindschaft der Kirchen einfügt.

Jetzt könnte man einwenden: »Aber doch heute nicht mehr!« Kirchen und Synagogen stehen einträchtig beieinander, es gibt landauf, landab anlässlich von Gedenktagen gemeinsame Gebete oder auch christlich-jüdische Gemeinschaftsfeiern. Die EKD hat sich mit Synodalbeschlüssen 2015 zu »Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum« vom Judenhass des Reformators distanziert und sich 2016 – sich auf die »bleibende Erwählung Israels« berufend – von der Judenmission abgewandt.

BUBER-ROSENZWEIG-MEDAILLE

Die Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden erhält im Rahmen der Eröffnung der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit die Buber-Rosenzweig-Medaille für ihre Verdienste im christlich-jüdischen Dialog. Was sich vor 70 Jahren keiner vorzustellen vermochte: Die EKD hat ein Bekenntnis zu »christlicher Mitverantwortung« am nationalsozialistischen Völkermord abgelegt, es gibt Arbeitshilfen für Gottesdienst, Gemeindearbeit und Konfirmandenunterricht im christlich-jüdischen Dialog. Im Umfeld christlich-jüdischer Gesellschaften pflegen Juden und Christen regen Austausch.

Und doch gibt es Sperrfeuer an der Berliner Theologischen Fakultät, die mal eben wieder einen deutschen Sonderweg gehen will, ähnlich wie die NS-Christen die Hebräische Bibel zur apokryphen Schrift herabstufen wollten. Auch jetzt gibt es an dieser Fakultät Lehrende, die massiv versucht haben, den Synodalbeschluss gegen die Judenmission abzuwenden, gibt es einen Berliner Pfarrer für »interreligiösen Dialog«, der sein Gehalt vom Evangelischen Missionswerk bezieht und das Leid der Palästinenser (Nakba) mit der Schoa gleichsetzt.

Und wenn man ostwärts in Europa geht, dann wird klar, dass nicht alle der vor einem halben Jahrhundert auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Juden betreffenden Beschlüsse an der Basis der katholischen Kirche angekommen sind. Und so manche orthodoxe Kirche vermag sich einen Dialog mit dem Judentum nicht vorzustellen, ja praktiziert gedankenlos einen traditionellen Antijudaismus, auch wenn es kaum oder keine Juden in ihrem jeweiligen Einzugsgebiet gibt.

MOTTO

Unsere Zeit ist zunehmend von einem militanten Egoismus und von einer rücksichtslosen Zerstörung der Schöpfung geprägt. Da kommt den zwei aus der gleichen Lehre entwickelten, aber jetzt doch sehr unterschiedlichen Glaubensweisen eine gemeinsame Verantwortung zu, die das Motto der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit sehr gut zum Ausdruck bringt: »Nun gehe hin und lerne«.

Nach dem Kern der biblischen Religion wurde Rabbi Hillel einmal von einem Nichtjuden gefragt: »Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht! Das ist die ganze Lehre, und alles andere ist Erläuterung. Geh hin und lerne!« Es wäre wunderbar, wenn die Woche der Brüderlichkeit, als älteste Bürgerinitiative zur Verständigung in anfangs aussichtsloser Lage, nicht nur im Umgang zwischen Christen und Juden, zwischen Juden, Christen und Muslimen, sondern auch im Umgang von Staaten untereinander nachgeahmt würde und ein Vorbild bliebe.

Der Autor ist jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

 

/ 23.02.2017

Am 16. Februar ist Shoshana Dietzmann-Lapidoth im Alter von 87 Jahren in Berlin gestorben. Die Beerdigung war am Mittwoch, den 22. Februar, auf dem Friedhof an der Heerstraße angesetzt.

[…] »Sie verfolgte den Gottesdienst und kommentierte gerne die Predigten aus ihrem schier unermesslichen Wissen«, sagt Rabbiner Andreas Nachama über sie. Sie spendete eine Pultdecke, die auf den frühen tragischen Tod ihrer Tochter Saray hinwies – zur Jahrzeit sagte sie immer für ihr Kind in der ihr eigenen wunderbar authentischen hebräischen Aussprache Kaddisch. »Sie gehörte ganz unbedingt zur Synagoge Sukkat Schalom – die Wände der Synagoge werden weinen, weil sie von uns gegangen ist«, so Nachama.

 


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